Introduction

Philipp Schaerer hat im Bereich der digitalen Architekturvisualisierung einen stilbildenden Beitrag geleistet. Er ist Autor vieler bekannter Projektvisualisierungen, die in Zusammenarbeit mit den Architekten Herzog & de Meuron in den 2000er Jahren entstanden sind. Noch heute gelten viele der Bilder als Referenz im Kontext der Architektur und haben massgeblich die Bildsprache heute gängiger Architekturvisualisierungen mitgeprägt. Die Mehrheit der Bilder sind im Hinblick auf die Teilnahme an internationalen Architekturwettbewerben entstanden und dienten der bildlichen Darstellung des jeweiligen eingegebenen Projektentwurfes. 

Die Bilder sind im Kontext ihrer Entstehungszeit zu verstehen, anfangs der 2000er Jahre, welche mit dem Einzug des Computers im Architekturbetrieb und der Verwendung neuer digitaler (Bild)Verarbeitungstechniken gekennzeichnet sind – wie auch der fortschreitenden Entwicklung des Internets, welches zusätzlich zu den bis anhin vorwiegend textbasierten Inhalten, nun vermehrt bildbasierte Inhalte zu transportieren und zu multiplizieren im Stande war. So ist auch in dieser Zeit eine verstärkte Hinwendung zum Medium Bild in der Architekturpraxis zu beobachten: Architekturentwürfe, die vermehrt ins Bild gesetzt und über das Bild kommuniziert wurden – ein Phänomen, das grundsätzlich im Kontext der zunehmenden Bildhaftigkeit gesellschaftlicher Kommunikation verstanden werden kann und auch gerne mit dem Begriff Iconic Turn umschrieben wird. 

Das Bemerkenswerte an Schaerers früher Bildarbeit stellt sicherlich ihre «manuelle» Machart dar und hat nur wenig mit der computergenerierten 3D-Visualisierung zu tun, mit deren Hilfe heute praktisch die meisten perspektivischen und zumal auch fotografisch anmutenden Projektvisualisierungen aus einer 3D-Szene ins Bild gerechnet werden. Obwohl auch digital am Bildschirm erarbeitet, sind Schaerers Bilder vorwiegend in der Fläche, direkt im Bild, mittels Collage erschaffen worden. Dies hat mitunter damit zu tun, dass anfangs der 2000er Jahre die 3D Computergrafik im Bereich der Architektur noch in den Kinderschuhen steckte und die damit erzeugten Visualisierungsergebnisse im Bereich der Bildqualität (Lichtregie, Atmosphäre und Bildhaptik) den Erwartungen nicht gerecht werden konnte. Vor allem bei den projektierten Grossprojekten mit zunehmender Anzahl von Bauteilen und grösserer Komplexität waren die gerechneten Bildergebnisse der 3D Renderings kaum zufriedenstellend – und noch viel entscheidender, hatten die damals vorhandenen Computer mit ihrer noch bescheidenen Rechenleistung an den Rand ihrer Kapazität gebracht, was sich in der nicht endend wollenden Berechnungszeit der Bilder ausdrückte. Schaerers früher Fokus auf die digitale Collage ist daher mitunter in diesem Kontext zu verstehen, wie auch in den dargebotenen Möglichkeiten, die die Collage bietet in Bezug auf die freie Bildentwicklung und der verfolgten Bildästhetik. 

Das Hauptmerkmal der digitalen Collage besteht in dem flächigen Kombinieren und Arrangieren von einzelnen Bildfragmenten, die am Computer zu einem neuen Bild zusammengesetzt werden. Ausgehend von einer Bildgrundlage werden Schicht für Schicht eine Vielzahl digitaler Bildfragmente miteinander verwoben und übereinander gelagert – im Gegensatz zur 3D Computergrafik, ein sehr manuell betonter Bildansatz. Sämtliche Oberflächen- und Materialtexturen und figurativen Objekte, wie Menschen, Ausstattungs- und Vegetationselemente als Beispiel, wurden in einem ersten Schritt zuerst aus ihren bestehenden Bildern gelöst und ausgeschnitten, dann nachfolgend in ihrem jeweiligen Kontrast und Farbton aufeinander abgestimmt und anschliessend auf ihre gewünschte Grösse skaliert oder je nach der zu erarbeitenden, räumlichen Ansicht perspektivisch verzogen und schlussendlich gemäss der verfolgten Bildtiefenwirkung auf den zahlreichen Bildebenen (Layers) gestaffelt und eingeordnet. Diese Vielzahl von manuell vollzogenen Arbeitsschritten bringt unweigerlich eine unterschiedliche Nuancierung in der Behandlung der einzelnen Bildteile hervor - lokale Unschärfen, Unpräzisionen und Bildinkonsistenzen, die oft auch den Reiz und die Qualität dieser collagierten Bilder ausmachen. 

Im Gegensatz zu den rein gerechneten Computerrenderings aus den frühen 2000er Jahren, zeigen sich Schaerers erarbeiteten Projektvisualisierungen wesentlich eindringlicher und subtiler im Bereich der Flächen- und Konturbehandlungen. Verglichen mit der 3D-Visualisierung, in der die gerenderte Bildszene aus dem Arrangement verschiedener virtueller Modellkörper besteht - somit nur anhand «greifbarer» Objekte modelliert wird - setzt sich die digitale Bildcollage im Gegenzug über die Natur und Abgeschlossenheit der abgebildeten Elemente hinweg. Ganz egal, ob es sich um fotografische Versatzstücke, Texturen, grafische Muster oder Linienzeichnungen handelt – Hauptkriterium für deren Collagier- und Verarbeitbarkeit ist, dass die Bildteile als Pixel- oder Rastergrafiken vorliegen und somit uneingeschränkt miteinander gepaart, verwoben und überblendet werden können. So können hier einerseits immaterielle Elemente wie Lichttexturen und atmosphärische Gradationsverläufe als Bildobjekte in die Collage geladen und mittels Alpha-Blending oder weicher Kanten mit den umliegenden Bildfragmenten verwoben und überblendet werden – ganz ähnlich dem Verfahren der traditionellen Sfumato-Technik. Auch das Einarbeiten von unterschiedlichen Bilddetaillierungsstufen innerhalb desselben Bildes scheint ein Merkmal in Schaerers frühen Arbeiten zu sein: sei es anhand der unterschiedlichen Gewichtung von Bildschärfe, Transparenz, Bilddichte, Helligkeit, Kontrast oder Farbe, um so den Fokus - mitunter auch in manipulativer Absicht - auf die relevanten und zentralen Bereiche des abgebildeten Projektvorschlags zu lenken. So zeigen sich Schaerers digitale Bildcollagen wesentlich nuancierter, vielschichtiger und weicher in ihrem Duktus, verglichen mit den rein gerechneten 3D Bildszenen aus früherer Zeit, die oft aufgrund der wiederholenden Texturen und durch die vektorbasierten, scharf abgetrennten Konturen sehr clean und hart erscheinen. 

Diese Collage- oder Montagearbeit stellte zweifelsohne gewisse Ansprüche an die Planung der Arbeitsschritte wie auch auf die Sichtung und die Organisation des zu verarbeiteten Bildmaterials. Schon bereits der visualisierte Projektentwurf der Münchner Allianz Arena anfangs 2002, den Schaerer für Herzog & de Meuron verfasste, bestand schon aus weit mehr als hundert einzelner digitaler Bildfragmente, die zuerst gesichtet, selektiert, ausgeschnitten und schliesslich auf den verschiedenen transparenten Bildebenen (Layers) angeordnet und organisiert werden mussten. Das Arbeiten mit dieser grossen Anzahl digitaler Bildebenen war relativ neu und vorher kaum denkbar, da das verwendete Bildbearbeitungsprogramm Adobe Photoshop die feste Obergrenze von maximal 99 möglichen Layers erst mit dem Erscheinen der Version 6 im September 2000 auflöste. Nicht überraschend ist auch, dass Schaerer in diesen Jahren für das Handling und die Verwaltung des anfallenden und des zu verarbeitenden Bildmaterials mit dem Aufsetzen und Arbeiten einer Bilddatenbank begonnen hat, um eine schnellere Sichtung und Erschliessung der einzelnen Bildkomponenten zu ermöglichen. Auch noch heute, in seinem freien künstlerischen Schaffen, nimmt die Bilddatenbank als Ressourcenpool einen wichtigen Stellenwert ein. Analog des Malers und seinen Farbtöpfen, sind es bei Schaerer die digitalen Bild- und Medienbausteine, die das Ausgangsmaterial und die Materialpalette für seine Arbeiten bilden. Schaerer zählt mittlerweile über 200’000 erfasste und mehrfach verschlagwortete Dateien. Grossflächige Kontaktabzüge seiner Bilddatenbank wurden bereits im Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe 2016 und später 2018 im Centre Pompidou in Paris ausgestellt. 

Schaerer arbeitet heute kaum noch auf dem Gebiet der Projektvisualisierung. Diese Bildarbeit ist vor allem im Kontext von Herzog & de Meuron zwischen 2000 und 2008 anzusiedeln und vereinzelt noch später in Form von Auftragsarbeiten für befreundete Architekten. Diese frühen Bildarbeiten bilden jedoch noch heute ein wichtiges Rückgrat in Schaerers Schaffen. Nebst seinem breiten Knowhow bezüglich digitaler Bildverfahrenstechniken, bildet das komponentenbasierte Bildverfahren noch immer einen wichtigen Eckstein in seinem aktuellen Werk. Noch heute wird Schaerer auf diesem Gebiet als Experte konsultiert. So mitunter auch als Autor für das Kapitel «Visualisation» im Buch «Atlas of Digital Architecture», herausgegeben von Prof. L. Hovestadt, Prof. U. Hirschberger und Prof. O. Fritz, welches im Sommer 2020 erschienen ist.